top of page

Wie funktioniert Therapie eigentlich?

Sonja Grammel
vor 3 Stunden
6 Min. Lesezeit

Was dich erwartet, warum Veränderung Zeit braucht und weshalb wir in der Therapie auch lachen.


„Ach, das kriege ich schon alleine hin.“

„So schlimm ist es doch gar nicht.“

„Andere haben viel größere Probleme.“

„Vielleicht wird es nächste Woche wieder besser.“

Kennst du solche Gedanken?


Manchmal merken wir schon lange, dass uns etwas belastet. Vielleicht drehen sich unsere Gedanken ständig um dasselbe Thema. Vielleicht geraten wir immer wieder in ähnliche Situationen oder haben einfach das Gefühl, dass irgendetwas in unserem Leben nicht mehr so richtig passt.

Und trotzdem machen wir erst einmal weiter.


Warum warten wir eigentlich so lange?

Dafür gibt es ganz unterschiedliche Gründe.

Vielleicht haben wir gelernt, unsere Probleme alleine zu lösen.

Vielleicht möchten wir niemandem zur Last fallen.

Oder wir haben einfach Respekt vor dem, was uns in einer Therapie erwarten könnte.

Muss ich meine ganze Kindheit aufarbeiten?

Was passiert, wenn plötzlich Gefühle auftauchen, mit denen ich nicht gerechnet habe?

Was ist, wenn ich Dinge über mich erkenne, die mir überhaupt nicht gefallen?


Und manchmal liegt es auch gar nicht an uns. Denn überhaupt einen freien Therapieplatz zu bekommen, ist für viele Menschen eine Herausforderung.


Absagen, Wartelisten, keine freien Termine.

Dabei hat es oft schon einiges an Überwindung gekostet, überhaupt nach Unterstützung zu suchen.


Und dann sitzt du plötzlich in der Therapie

Vielleicht bist du aufgeregt.

Vielleicht erleichtert.

Vielleicht sogar ein bisschen stolz auf dich, dass du diesen Schritt endlich gegangen bist.

Und dann sitzt dir ein fremder Mensch gegenüber.


Deshalb finde ich eine Frage beim ersten Kennenlernen besonders wichtig:

Passt dieser Mensch überhaupt zu mir?

Ich frage meine Klienten tatsächlich immer, ob sie sich vorstellen können, mit mir zusammenzuarbeiten.

Denn mal ehrlich: Wenn du mir gegenübersitzt und denkst: Was ist das denn für eine alte Zicke?, dann wird das mit uns vermutlich schwierig und das ist völlig in Ordnung.

Nicht jeder Mensch passt zu jedem Menschen.

Auch nicht in der Therapie.

Du solltest dich ernst genommen fühlen, Fragen stellen können und das Gefühl haben, dass du offen sprechen darfst.

Denn eine gute Zusammenarbeit braucht Vertrauen. Und das darf natürlich auch erst einmal wachsen.


Ich bin doch jetzt in Therapie. Wird jetzt alles besser?

Mit dem Beginn einer Therapie verbinden viele Menschen große Hoffnungen.

Endlich sitzt da jemand, der sich auskennt. Jemand, der erklären kann, warum wir in bestimmten Situationen so reagieren, warum uns manche Gedanken nicht loslassen oder weshalb wir immer wieder in dieselben Verhaltensmuster geraten.

Tatsächlich kann es unglaublich entlastend sein, solche Zusammenhänge zu verstehen.

Aber manchmal kommt dann eine überraschende Erkenntnis:

Nur weil ich etwas verstanden habe, verändert es sich nicht automatisch.


Vielleicht weißt du inzwischen, warum es dir so schwerfällt, Nein zu sagen. Trotzdem sagst du beim nächsten Mal wieder Ja.

Oder du verstehst, warum dich bestimmte Situationen belasten. Aber dadurch fühlen sie sich nicht sofort leichter an.

Und genau da beginnt ein wichtiger Teil unserer gemeinsamen Arbeit.

Was möchtest du verändern?

Was könnte dir helfen?

Was wäre ein erster Schritt?


Manchmal ist diese Frage gar nicht so leicht zu beantworten.

Schließlich bist du ja gerade deshalb hier, weil du alleine nicht weiterkommst.


Aber Therapie bedeutet nicht, dass ich dein Problem für dich löse.

Ich kann dir Zusammenhänge erklären, mit dir nach möglichen Ursachen suchen und dich mit therapeutischen Methoden unterstützen.

Wir können gemeinsam neue Möglichkeiten entdecken und überlegen, welche Schritte für dich sinnvoll sind.

Aber gehen kann ich sie nicht für dich.

Und noch etwas ist mir wichtig:

Mein Weg muss nicht dein Weg sein.

Was ich in einer bestimmten Situation tun würde, muss für dich noch lange nicht richtig sein.

Es geht um dein Leben, deine Wünsche und darum, deinen eigenen Weg zu finden.


Ist Therapie eigentlich immer anstrengend?

Nein! Ganz bestimmt nicht.

Natürlich beschäftigen wir uns auch mit Themen, die nicht immer leicht sind.

Manchmal kommen neue Erkenntnisse, manchmal fließen Tränen und manchmal braucht es Mut, etwas anders zu machen als bisher.

Auch der Körper kann auf belastende Gefühle reagieren, etwa mit Anspannung, Herzklopfen oder Zittern. Solche Reaktionen müssen aber nicht auftreten.


Wir müssen nicht alles auf einmal anschauen. Manchmal geht es zunächst darum, wieder mehr Sicherheit und Stabilität zu entwickeln.


Und weißt du was?

Wir lachen auch. :)

Über das Leben, über Situationen, über unsere Eigenarten und darüber, wie kompliziert wir Menschen manchmal ticken.

Wir freuen uns über kleine Fortschritte. Und manchmal stellen wir gemeinsam fest, dass etwas, das früher riesengroß erschien, heute gar nicht mehr so viel Macht hat.

Nicht jede Therapiestunde ist schwer. Und nicht jedes Gespräch endet mit Tränen.


Zwei Schritte vor und einen zurück?

Vielleicht hast du endlich etwas geschafft, das dir lange schwergefallen ist.

Und beim nächsten Mal funktioniert es plötzlich nicht mehr.

Vielleicht hast du gelernt, deine Grenzen besser wahrzunehmen und dann erwischst du dich doch wieder dabei, wie du es allen recht machen möchtest.

War jetzt alles umsonst?

Nein.

Veränderung verläuft selten geradlinig.

Manchmal machen wir große Schritte, manchmal kleine. Manchmal bleiben wir stehen und manchmal fallen wir in alte Muster zurück.

Aber vielleicht bemerkst du inzwischen schneller, was gerade passiert.

Vielleicht gehst du heute anders mit einer schwierigen Situation um als noch vor einigen Monaten.

Und manchmal müssen wir einfach gemeinsam schauen, ob ein anderer Weg besser passt.

Ein Schritt zurück bedeutet nicht, dass wir wieder am Anfang stehen.


Und was ist mit all dem, was schon gut ist?

Das ist mir in meiner Arbeit besonders wichtig.

Denn nur weil du mit einem Problem in die Therapie kommst, bedeutet das nicht, dass dein ganzes Leben schwierig ist.

Vielleicht gibt es sogar ziemlich viel, das gut läuft.

Menschen, die dich mögen. Freundschaften, die dir guttun. Dinge, die dir Freude machen.

Aber manchmal nimmt ein Problem so viel Raum ein, dass wir das alles kaum noch wahrnehmen.


Ich spreche dann gerne von den Blumen am Wegesrand.

Manchmal sind wir so sehr damit beschäftigt, auf das zu schauen, was gerade nicht funktioniert, dass wir gar nicht mehr sehen, was links und rechts unseres Weges wächst.

Vielleicht gab es Menschen, von denen du dir mehr Unterstützung gewünscht hättest. Und vielleicht tut es weh, dass sie dir das nicht geben konnten.

Aber welche Menschen sind heute für dich da?

Was gibt dir Kraft? Was funktioniert bereits gut?

Auch das gehört für mich zur Therapie.

Nicht nur auf das schauen, was schwierig ist, sondern auch wieder wahrnehmen, was unser Leben schön und lebenswert macht.


Aus dem Kampf einen Tanz machen

Einen Satz habe ich irgendwann einmal gehört und fand ihn so schön, dass ich ihn seitdem selbst gerne verwende:

„Vielleicht können wir aus diesem Kampf einen Tanz machen.“

Denn manchmal kämpfen wir unglaublich viel.

Gegen unsere Gedanken, unsere Gefühle, gegen Situationen und manchmal sogar gegen uns selbst.

Dabei wird nicht automatisch alles gut, nur weil wir aufhören zu kämpfen.

Auch beim Tanzen stolpern wir mal, geraten aus dem Takt oder brauchen eine Pause.

Aber vielleicht können wir lernen, mit manchen Dingen anders umzugehen.

Das Leben ist nicht immer einfach. Bei keinem von uns.

Doch manchmal wird es ein bisschen leichter, wenn nicht alles ein Kampf sein muss.

Mein Gedanke dazu

Weißt du, was ich in meiner Arbeit immer wieder erlebe?

Dass Menschen irgendwann vor mir sitzen und sagen, dass sie sich wünschen, sie hätten schon viel früher etwas verändert.

Weil sie plötzlich Dinge schaffen, die sie sich vorher nicht zugetraut hätten.

Weil sie ihren eigenen Weg gefunden haben oder wieder mehr Vertrauen in sich selbst entwickeln.

Und manchmal bedanken sie sich dann bei mir.

Meine Antwort ist eigentlich immer dieselbe:

„Das hast du gemacht. Nicht ich. Ich habe dich nur begleitet.“


Denn genau darum geht es mir.

Nicht darum, dass du dauerhaft jemanden brauchst, der dir sagt, was richtig für dich ist.

Sondern darum, dass du deinen eigenen Weg findest und wieder mehr Vertrauen in dich und deine Möglichkeiten entwickelst


Und auch ich nehme aus jeder Begegnung etwas mit.

Die Menschen, mit denen ich arbeite, zeigen mir immer wieder neue Blickwinkel auf das Leben und sie erinnern mich daran, dass hinter jedem Menschen eine Geschichte steckt, die wir von außen nicht kennen.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich meine Arbeit so gerne mache.

Wir schauen gemeinsam auf das, was schwierig ist. Aber auch auf das, was schon gut ist.

Wir suchen neue Wege, freuen uns über Fortschritte .

Und manchmal entdecken wir dabei auch wieder die Blumen am Wegesrand.


Therapie bedeutet nicht, dass danach alles perfekt ist. Aber vielleicht wird manches ein bisschen leichter.


 
 
 

Kommentare


Überschrift 1

bottom of page