Du bist ständig beschäftigt. Aber was passiert, wenn es still wird?

Kein Handy in der Hand. Kein Podcast im Ohr. Keine Serie nebenbei. Keine Arbeit, die noch schnell erledigt werden muss.
Einfach nichts.
Nur du und das, was in deinem Kopf auftaucht.
Wie fühlt sich dieser Gedanke für dich an?
Vielleicht denkst du: Herrlich. Endlich mal Ruhe.
Vielleicht ist es aber genau das Gegenteil.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl, immer etwas zu tun haben zu müssen.
Du hast ständig Aufgaben im Kopf. Ist eine erledigt, fällt dir schon die nächste ein. Du arbeitest, planst, organisierst, fängst etwas Neues an. Und wenn tatsächlich einmal nichts ansteht, ist da ja noch das Handy. Internet. Nachrichten. Videos. Irgendetwas findet sich eigentlich immer.
Bis zu dem Moment, in dem nichts davon geht.
Du musst irgendwo warten. Du hast keinen Empfang. Dein Akku ist leer. Du liegst nachts wach.
Plötzlich gibt es nichts, womit du dich beschäftigen kannst.
Nur dich.
Und deine Gedanken.
Und vielleicht ist genau das für dich nicht entspannend, sondern richtig unangenehm. Vielleicht macht dir dieser Moment sogar Angst.
Nicht die Frage „Was soll ich jetzt tun?“ ist dann das Problem.
Sondern: Was passiert, wenn ich nichts mehr tun kann?
Wenn Beschäftigung mehr ist als Beschäftigung
Viel zu tun zu haben ist erst einmal nichts Schlechtes.
Vielleicht bist du einfach ein Mensch, der gerne arbeitet. Der viele Ideen hat, gerne organisiert, Dinge auf die Beine stellt und es mag, wenn etwas passiert.
Aber es gibt einen Unterschied zwischen:
Ich habe gerne viel zu tun.
und
Ich brauche ständig etwas zu tun.
Und dieser Unterschied fällt manchmal erst auf, wenn die Beschäftigung wegfällt.
Wenn du merkst: Ich werde unruhig. Ich brauche jetzt mein Handy. Ich brauche eine Aufgabe. Ich muss irgendetwas machen. Hauptsache, ich sitze hier nicht einfach nur mit mir selbst.
Das passiert meistens nicht bewusst.
Du stehst morgens nicht auf und denkst: „Heute beschäftige ich mich möglichst viel, damit ich bloß nicht mit meinen Gedanken und Gefühlen in Kontakt komme.“
Du machst einfach.
Da ist eine freie Minute und schon ist das Handy in der Hand. Eine Aufgabe ist erledigt und die nächste wird angefangen. Dir kommt eine neue Idee und plötzlich bist du wieder mitten in der Umsetzung.
Irgendwann ist das so normal, dass dir vielleicht gar nicht mehr auffällt, wie selten wirklich nichts passiert.
Und das kostet Kraft
Auch Dinge, die du gerne machst, brauchen Energie.
Arbeiten braucht Energie. Organisieren braucht Energie. Entscheidungen treffen braucht Energie. Von einer Sache zur nächsten zu springen braucht Energie. Und auch die nächste richtig gute Idee braucht irgendwo noch Platz.
Wenn dein System dauerhaft beschäftigt ist, merkst du vielleicht lange gar nicht, wie viel Kraft das kostet.
Bis etwas dazukommt, das du nicht eingeplant hast.
Ein Problem. Ein Konflikt. Irgendetwas geht schief. Jemand braucht dich. Du musst plötzlich etwas lösen, mit dem du nicht gerechnet hast.
Und dann sitzt du da und denkst:
Ich kann das nicht. Ich schaffe das nicht auch noch.
Vielleicht kannst du es eigentlich sehr wohl.
Vielleicht ist nur gerade kaum noch Kraft übrig, um mit einer zusätzlichen Belastung umzugehen.
Also einfach mal drei Tage Handy aus?
Das klingt erst einmal logisch.
Wenn ich ständig beschäftigt bin und jede freie Minute mit irgendeinem Input fülle, dann mache ich eben das Gegenteil.
Handy aus. Kein Internet. Keine Arbeit. Keine Ablenkung. Vielleicht drei Tage irgendwohin und einfach nichts tun.
Kannst du natürlich machen.
Aber wenn es für dich schon schwer auszuhalten ist, zehn Minuten mit deinen Gedanken allein zu sein, weiß ich nicht, ob drei Tage komplette Stille der beste Anfang sind.
Für mich geht es um etwas anderes.
Vielleicht musst du gar nicht lernen, möglichst lange nichts zu tun.
Vielleicht darfst du erst einmal lernen, wieder wahrzunehmen, was eigentlich in dir passiert, wenn du nichts tust.
Und manchmal würde ich das auch gar nicht alleine machen.
Was ist da eigentlich?
Was kommt hoch, wenn du nicht sofort etwas tust?
Unruhe?
Angst?
Traurigkeit?
Druck?
Kreisen deine Gedanken immer wieder um bestimmte Dinge?
Oder kannst du überhaupt noch nicht sagen, was da eigentlich ist?
Das muss auch nicht bedeuten, dass irgendwo tief in dir ein großes verdrängtes Erlebnis darauf wartet, endlich gefunden zu werden.
So einfach ist es nicht.
Aber Erfahrungen hinterlassen Spuren.
Du erinnerst dich nicht jeden Tag an alles, was du irgendwann erlebt hast. Das wäre wahrscheinlich auch ziemlich anstrengend. Vieles ist längst vorbei und im Alltag überhaupt nicht präsent.
Trotzdem können frühere Erfahrungen beeinflussen, wie du heute fühlst und reagierst.
Dein Kopf weiß vielleicht längst: Das ist vorbei.
Und trotzdem reagierst du in manchen Momenten noch mit einer Intensität, die gar nicht so richtig zu deinem heutigen Leben zu passen scheint.
Genau da finde ich es spannend, hinzuschauen.
Nicht mit der Brechstange.
Nicht alles auf einmal.
Sondern dosiert.
Vielleicht musst du das nicht alleine machen
Genau das mache ich mit meinen Klienten.
Wir schauen gemeinsam hin.
Was ist da für ein Gefühl?
Woher kennst du dieses Gefühl vielleicht?
Gab es Situationen, in denen du dich schon einmal genauso gefühlt hast?
Und wie sieht das, was damals vielleicht riesengroß oder kaum auszuhalten war, eigentlich mit deinen Augen von heute aus?
Denn heute bist du nicht mehr derselbe Mensch wie damals.
Heute kannst du Dinge einordnen. Du kannst Entscheidungen treffen. Grenzen setzen. Eine Situation verlassen. Dir Hilfe holen. Du hast heute Möglichkeiten, die du früher vielleicht noch nicht hattest.
Das zu wissen ist das eine.
Es auch zu fühlen und in schwierigen Momenten darauf zurückgreifen zu können, etwas anderes.
Und genau deshalb geht es für mich nicht darum, einfach die Ablenkung wegzunehmen und dann zu schauen, was passiert.
Es geht darum, nach und nach zu lernen:
Ich kann das halten.
Da darf ein Gefühl kommen.
Da darf ein Gedanke sein.
Ich muss ihn nicht sofort wegmachen oder mich mit der nächsten Aufgabe davon wegbringen.
Und ich muss damit auch nicht alleine bleiben.
Und weißt du was toll ist?
Ich höre ganz oft diese Worte:
Ich habe mich auf den Termin heute gefreut.
Eigentlich könnte man denken, Therapie wäre genau das Gegenteil von etwas, auf das man sich freut.
Schließlich schauen wir manchmal genau die Dinge an, die man im Alltag lieber wegschiebt.
Gefühle, die unangenehm sind. Ängste. Überforderung. Erfahrungen, die wehgetan haben.
Und ja, das ist nicht immer schön.
Trotzdem höre ich in meiner Praxis in letzter Zeit erstaunlich oft einen Satz.
„Ich habe mich auf den Termin heute gefreut.“
Und vielleicht ist das gar kein Widerspruch.
Denn sich mit sich selbst auseinanderzusetzen bedeutet nicht nur, unangenehme Dinge wieder hervorzuholen.
Es kann auch bedeuten, sich selbst wieder ein Stück näherzukommen.
Zu verstehen: Was passiert eigentlich in mir? Warum reagiere ich so? Was brauche ich? Was schiebe ich vielleicht schon lange zur Seite?
Und irgendwann vielleicht zu merken:
Ich kann das heute anschauen.
Ich kann dieses Gefühl aushalten.
Ich bin damit nicht allein.
Und das, was damals war, muss heute nicht mehr dieselbe Macht über mich haben.
Vielleicht entsteht dadurch nach und nach wieder mehr Platz.
Nicht nur für schwierige Gedanken und Gefühle.
Sondern für dich.
Du musst deshalb nicht aufhören, viel zu tun. Du darfst tausend Ideen haben, arbeiten, planen, organisieren und dein Leben genießen.
Es geht nicht darum, aus einem aktiven Menschen plötzlich jemanden zu machen, der jeden Abend eine Stunde schweigend auf dem Sofa sitzt.
Es geht darum, dass du wieder wählen kannst.
Ich möchte mich gerade beschäftigen.
Oder:
Ich kann gerade auch einfach mit mir sein.
Und vielleicht ist genau das ein Stück Freiheit.💫





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