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Du bist längst erwachsen. Aber deine Angst weiß das vielleicht noch nicht.

  • Sonja Grammel
  • vor 10 Minuten
  • 5 Min. Lesezeit


Du bist erwachsen.

Du kannst Entscheidungen treffen. Du kannst gehen, wenn dir etwas nicht guttut. Du kannst Nein sagen. Du kannst dir Hilfe holen.

Und trotzdem gibt es Situationen, in denen dein Körper reagiert, als könntest du genau das alles nicht.

Dein Herz schlägt schneller. Du wirst unruhig. Vielleicht möchtest du flüchten, obwohl du eigentlich bleiben willst. Oder du vermeidest Dinge, von denen du mit dem Kopf längst weißt:

„Eigentlich passiert mir hier nichts.“

Und genau das macht Angst manchmal so schwer zu verstehen.

Du weißt, dass du heute sicher bist.

Aber es fühlt sich nicht so an.

Warum?

Vielleicht, weil dein Verstand längst im Heute angekommen ist, dein Alarmsystem aber noch mit etwas arbeitet, das es irgendwann einmal gelernt hat.


Angst kann lernen

Unser Gehirn und unser Nervensystem lernen aus Erfahrungen. Zum Glück. Wenn etwas gefährlich war, ist es sinnvoll, dass unser System sich daran erinnert.

Nur bekommt das, was einmal als gefährlich gelernt wurde, nicht automatisch irgendwann ein Ablaufdatum.

Vielleicht gab es früher Situationen, in denen du dich unsicher oder überfordert gefühlt hast. Vielleicht konntest du nicht weg oder hattest noch gar keine Möglichkeit, das Geschehen so einzuordnen, wie du es heute könntest.

Dafür braucht es nicht immer das eine große, dramatische Erlebnis.

Manchmal sind es viele kleinere Erfahrungen. Manchmal entsteht eine Angst erst viel später. Und manchmal können wir gar nicht mehr sagen, wann unser System eigentlich angefangen hat, auf eine bestimmte Weise zu reagieren.

Die Reaktion kann trotzdem geblieben sein.


Rex, unser Beschützer

Wenn du die letzten Blogs gelesen hast, kennst du Rex schon.

Falls nicht: Rex ist eine Eidechse und einer meiner drei „Kollegen“ in der Praxis. Ja, eigentlich ist er ein Stofftier. 😉

Ich nutze ihn als Bild für die schnellen, automatischen Schutzreaktionen unseres Gehirns und Nervensystems.

Rex hat einen ziemlich klaren Job:

Gefahr erkennen. Reagieren. Schützen.

Dafür muss er schnell sein.

Er kann nicht jedes Mal erst in Ruhe überlegen, ob eine Situation wirklich gefährlich ist. Bei einer echten Gefahr wäre das ziemlich unpraktisch.

Hat unser System etwas als gefährlich gelernt, kann die Reaktion deshalb schon da sein, bevor unser Verstand überhaupt sagen kann:

„Moment mal. Heute ist die Situation doch ganz anders.“

Du sitzt zum Beispiel im Auto und weißt:

„Ich kann Autofahren. Eigentlich ist alles okay.“

Trotzdem schlägt dein Herz schneller. Du wirst unruhig. Vielleicht möchtest du am liebsten anhalten oder gar nicht erst losfahren.

Oder du sollst vor anderen Menschen sprechen. Du weißt, dass dir nichts passieren wird. Trotzdem schwitzen deine Hände und dein Körper möchte am liebsten verschwinden.

Dein Kopf sagt: Alles okay.

Rex sagt: Vorsicht.


„Aber ich weiß doch, dass nichts passiert.“

Ja.

Und wahrscheinlich hast du dir das selbst schon hundertmal gesagt.

Nur müssen das, was wir über eine Situation wissen, und die automatische Reaktion unseres Körpers nicht immer zusammenpassen.

Deshalb hilft ein

„Es kann doch gar nichts passieren.“

manchmal erstaunlich wenig.

Dein Verstand hat das möglicherweise längst verstanden.

Dein Alarmsystem reagiert trotzdem.

Und genau deshalb kann Angst so frustrierend sein. Du versuchst, dich mit vernünftigen Argumenten zu beruhigen, obwohl der Teil deines Systems, der gerade Alarm macht, nicht erst auf eine vernünftige Erklärung gewartet hat.


Heute kannst du Dinge, die du früher nicht konntest

Als Kind bist du auf andere Menschen angewiesen. Du kannst viele Situationen nicht einfach verlassen. Du kannst noch nicht alles einordnen und hast deutlich weniger Möglichkeiten, selbst für deine Sicherheit zu sorgen.

Heute sieht das anders aus.

Du kannst Grenzen setzen. Du kannst entscheiden, wem du vertraust. Du kannst gehen. Du kannst dir Unterstützung holen.

Eine Situation, in der du dich früher hilflos gefühlt hast, könntest du heute vielleicht völlig anders bewältigen.

Nur aktualisiert sich unser Alarmsystem nicht automatisch mit jedem Geburtstag.

Älter werden allein überschreibt keine gelernten Reaktionen.

Und so kann etwas heute noch Alarm auslösen, obwohl du längst ganz andere Möglichkeiten hast.


Muss meine Angst dann aus meiner Kindheit kommen?

Nein.

Nicht hinter jeder Angst steckt automatisch ein verletztes inneres Kind. Und nicht jedes Symptom lässt sich auf ein bestimmtes Erlebnis aus der Kindheit zurückführen.

Angst kann sich auch später entwickeln. Nach einer belastenden Erfahrung, einer Panikattacke oder in einer längeren Phase von Stress und Überforderung.

Manchmal lässt sich ziemlich gut erkennen, wo etwas angefangen hat.

Manchmal überhaupt nicht.

Deshalb müssen wir auch nicht krampfhaft nach dem einen Erlebnis suchen, das angeblich alles erklärt.

Viel interessanter finde ich die Frage:

Was hat mein System gelernt?

Und:

Gilt das heute eigentlich noch?


Warum Vermeidung sich erst einmal so gut anfühlt

Wenn Rex Alarm schlägt, möchtest du verständlicherweise raus aus der Situation.

Du fährst bestimmte Strecken nicht mehr. Du gehst vielleicht nicht mehr alleine einkaufen. Bei einer Veranstaltung sitzt du lieber in der Nähe des Ausgangs. Oder du sagst gleich ganz ab.

Und dann passiert etwas:

Die Angst lässt nach.

Endlich Erleichterung.

Für dein Alarmsystem kann genau das allerdings wie eine Bestätigung wirken:

„Gut, dass wir da raus sind.“

Beim nächsten Mal meldet Rex sich vielleicht noch früher.

Das ist das Tückische an Vermeidung. Sie hilft im Moment. Genau deshalb machen wir sie ja.

Nur bekommt dein System dadurch kaum die Möglichkeit, eine andere Erfahrung zu machen:

Vielleicht wäre gar nichts passiert. Vielleicht hätte ich es geschafft.


Vielleicht muss Rex etwas Neues lernen

Ich mag die Vorstellung nicht besonders, dass wir Angst einfach irgendwie „wegmachen“ müssen.

Rex macht seinen Job nicht, um dir das Leben schwerzumachen.

Er arbeitet mit dem, was dein System gelernt hat.

Wenn diese Information heute nicht mehr stimmt, braucht es neue Erfahrungen.

Nicht einfach nur den Satz:

„Du brauchst keine Angst zu haben.“

Das hast du wahrscheinlich oft genug gehört.

Neue Sicherheit muss oft erlebt werden.

Ich kann heute entscheiden.

Ich kann heute Grenzen setzen.

Ich kann eine Situation verlassen, wenn ich das möchte.

Ich kann mich heute schützen.

Und vielleicht kann dein System irgendwann auch lernen:

Das, wovor du mich warnst, ist vorbei.


Mein Gedanke dazu

Ich mag den Gedanken:

Vielleicht weiß deine Angst noch nicht, dass du groß geworden bist.

Nicht als Erklärung für jede Angst. Und auch nicht, weil jede Angst ihren Ursprung in der Kindheit haben muss.

Aber als Bild passt er für mich.

Denn manchmal reagieren wir heute auf etwas, obwohl wir längst Möglichkeiten haben, die wir früher nicht hatten.

In meiner Sprache würde ich deshalb sagen:

Vielleicht weiß Rex noch nicht, dass du groß geworden bist.

Und manchmal arbeite ich mit meinen Klienten genau damit.

Wir wechseln ganz bewusst die Position.

Nicht mehr Rex steht vorne und muss aufpassen, warnen und beschützen.

Du übernimmst.

Vielleicht kannst du ihm dann sagen:

„Hey Rex, es ist alles gut. Du musst gerade nicht auf mich aufpassen. Setz dich ruhig neben mich. Ich kann das heute. Und wenn wirklich etwas ist, hole ich dich.“

Ich mag dieses Bild.

Denn Rex muss nicht verschwinden.

Wir brauchen unseren Beschützer.

Aber er muss nicht ständig vorne stehen und alles übernehmen.

Vielleicht darf er nach und nach lernen:

Du bist heute groß. Du kannst für dich sorgen.

Und Rex?

Der darf sich einfach mal entspannt daneben setzen.

 
 
 

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