Wenn Beziehungen uns krank machen können

Warum uns manche Beziehungen so viel Kraft kosten und weshalb wir trotzdem an ihnen festhalten.
Kennst du das?
Du bist längst erwachsen, hast vielleicht selbst Kinder, stehst mitten im Leben. Und dann sagt deine Mutter einen einzigen Satz.
Vielleicht ist es nur eine kleine Kritik. Eine Bemerkung, die jemand anderes gar nicht schlimm finden würde.
Aber bei dir sitzt sie.
Plötzlich fühlst du dich wieder klein. Du ärgerst dich, bist verletzt oder fängst an, dich zu rechtfertigen.
Und hinterher fragst du dich: Warum trifft mich das eigentlich immer noch so?
Ich finde, genau solche Situationen zeigen, wie sehr uns Beziehungen prägen. Und wie lange uns manche Erfahrungen begleiten können.
Wir brauchen Beziehungen. Aber nicht jede tut uns gut.
Wir Menschen brauchen andere Menschen.
Wir brauchen Nähe, Vertrauen, Sicherheit und das Gefühl, dazuzugehören. Wir möchten gesehen werden, ernst genommen werden und wissen, dass wir jemandem wichtig sind.
Und dabei geht es längst nicht nur um Partnerschaften.
Es geht um unsere Eltern, Geschwister, Kinder, Freunde, Kollegen oder Vorgesetzten.
Vielleicht gibt es einen Menschen, dem du es einfach nie recht machen kannst.
Vielleicht bist du in deiner Familie immer diejenige, die Verständnis haben muss.
Oder du merkst, dass du nach bestimmten Begegnungen völlig erschöpft bist. Obwohl eigentlich gar nichts Besonderes passiert ist.
Manchmal sind es nicht die großen Konflikte, die uns belasten. Sondern die vielen kleinen Dinge, die sich über Jahre ansammeln.
Was haben unsere Eltern damit zu tun?
Ich sage in meiner Arbeit häufig einen Satz:
Eltern machen es so gut, wie sie es können.
Und ich glaube, dass das auf viele Eltern zutrifft.
Aber das bedeutet nicht, dass automatisch alles gut war.
Auch Eltern haben eine Geschichte. Sie haben selbst Erfahrungen gemacht, wurden geprägt, haben vielleicht Verletzungen erlebt und bestimmte Dinge nie anders gelernt.
Vielleicht war eine Mutter emotional nicht erreichbar, weil sie selbst völlig überfordert war.
Vielleicht konnte ein Vater keine Gefühle zeigen, weil er es selbst nie gelernt hatte.
Das kann erklären, warum Eltern manchmal nicht das geben konnten, was ihr Kind gebraucht hätte.
Aber es ändert nichts daran, dass diesem Kind vielleicht etwas gefehlt hat.
Und genau das finde ich wichtig.
Wir müssen nicht anfangen, unsere Eltern für alles verantwortlich zu machen. Aber wir dürfen uns anschauen, was wir erlebt haben und was das mit uns gemacht hat.
Denn manchmal verletzt uns nicht nur das, was jemand getan hat. Sondern auch das, was wir gebraucht hätten und nicht bekommen haben.
Ganz oft kommt auch die Frage, bin ich meinen Eltern was schuldig.
Ist vielleicht ein Thema für einen anderen Blog.
Warum kämpfen wir manchmal ein Leben lang um Anerkennung?
Vielleicht hast du als Kind gelernt, dass du besonders brav sein musst, damit niemand böse wird.
Dass du gute Leistungen bringen musst, um Anerkennung zu bekommen.
Oder dass du lieber keine Probleme machst, weil die anderen schon genug Sorgen haben.
Und heute?
Heute fällt es dir schwer, Nein zu sagen.
Du möchtest niemanden enttäuschen. Du erklärst dich ständig. Du hast ein schlechtes Gewissen, wenn du einmal an dich denkst.
Vielleicht meldest du dich sogar bei Menschen nicht, obwohl du sie gerade dringend brauchen könntest.
Weil du denkst: „Ich möchte doch niemandem zur Last fallen.“
Solche Überzeugungen entstehen nicht einfach aus dem Nichts. Sie können mit dem zusammenhängen, was wir früher in Beziehungen erlebt und über uns gelernt haben.
Und manchmal versuchen wir noch als Erwachsene, von einem bestimmten Menschen endlich das zu bekommen, was uns früher gefehlt hat.
Die Anerkennung unserer Mutter.
Die Aufmerksamkeit unseres Partners.
Die Wertschätzung unseres Vorgesetzten.
Wir strengen uns immer weiter an. Vielleicht müssen wir nur noch ein bisschen geduldiger sein. Noch mehr Verständnis zeigen. Noch mehr leisten.
Aber was ist, wenn dieser Mensch uns das, wonach wir uns sehnen, gar nicht geben kann?
Wie lange wollen wir eigentlich noch darum kämpfen?
Das ist keine einfache Frage.
Denn manchmal bedeutet Veränderung auch, eine Hoffnung loszulassen, an der wir sehr lange festgehalten haben.
Wenn der Körper irgendwann nicht mehr mitmacht
Ich erlebe in meiner Praxis immer wieder Menschen, die unglaublich viel aushalten.
Die funktionieren, Verantwortung übernehmen, sich kümmern und versuchen, alles zusammenzuhalten.
Und irgendwann geht es nicht mehr.
Sie schlafen schlecht, sind ständig angespannt, grübeln, fühlen sich erschöpft oder entwickeln Ängste.
Natürlich muss das nicht an einer belastenden Beziehung liegen. Solche Beschwerden können ganz unterschiedliche Ursachen haben und sollten bei Bedarf auch medizinisch abgeklärt werden.
Aber dauerhafte emotionale Belastungen können sich auf unsere psychische und körperliche Gesundheit auswirken.
Wenn ich ständig aufpassen muss, was ich sage, wenn ich immer mit Kritik rechne oder das Gefühl habe, nicht gut genug zu sein, dann kostet das Kraft.
Manchmal über viele Jahre.
Und vielleicht lohnt sich dann die Frage:
Was in meinem Leben kostet mich eigentlich so unglaublich viel Energie?
Vielleicht ist es gar nicht nur die Arbeit oder der volle Terminkalender.
Vielleicht ist es auch eine Beziehung.
Warum gehen wir dann nicht einfach?
Von außen ist das oft leicht gesagt.
„Dann grenz dich doch ab.“
„Dann sag doch einfach Nein.“
„Dann brich den Kontakt ab.“
Aber Beziehungen funktionieren nicht so einfach.
Wir lieben Menschen, auch wenn sie uns verletzen.
Wir fühlen uns verantwortlich. Wir haben gemeinsame Erinnerungen. Wir hoffen, dass sich doch noch etwas verändert.
Und manchmal haben wir auch Angst davor, was passiert, wenn wir anfangen, unsere eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen.
Deshalb finde ich es schwierig, Menschen vorschnell zu sagen, sie müssten sich von jemandem trennen.
Nicht jede belastende Beziehung muss beendet werden.
Manchmal verändert sich schon etwas, wenn wir anfangen, anders mit ihr umzugehen.
Wenn wir Grenzen setzen.
Wenn wir nicht mehr jede Erwartung erfüllen.
Oder wenn wir akzeptieren, dass ein bestimmter Mensch vielleicht nicht derjenige sein wird, von dem wir die ersehnte Anerkennung bekommen.
Und manchmal ist Abstand oder eine Trennung tatsächlich notwendig, um sich selbst zu schützen.
Wer sitzt eigentlich in der Therapie?
Es gibt einen Spruch, den ich sinngemäß einmal gelesen habe:
Manchmal sitzen in der Therapie nicht diejenigen, die andere verletzt haben, sondern diejenigen, die unter diesen Verletzungen leiden.
Ich finde, darin steckt ein wichtiger Gedanke.
Denn häufig beschäftigen wir uns sehr lange mit der Frage, warum ein anderer Mensch so ist, wie er ist.
Warum unsere Mutter uns nicht versteht.
Warum unser Partner uns nicht die Aufmerksamkeit gibt, die wir brauchen.
Warum wir es unserem Chef nie recht machen können.
Aber irgendwann dürfen wir den Blick verändern.
Weg von der Frage: „Warum ist der andere so?“
Hin zu der Frage: „Was macht das eigentlich mit mir? Und was kann ich für mich verändern?“
Das bedeutet nicht, dass wir die Verantwortung für das Verhalten anderer übernehmen müssen.
Es bedeutet, dass wir anfangen können, unsere eigenen Möglichkeiten zu erkennen.
Und genau darum geht es mir auch in meiner therapeutischen Arbeit.
Nicht darum, Schuldige zu suchen.
Sondern darum, Zusammenhänge zu verstehen.
Beziehungen können uns auch stärken
Bei all dem möchte ich eines nicht vergessen.
Beziehungen können uns nicht nur belasten. Sie können uns auch unglaublich guttun.
Es gibt Menschen, bei denen wir einfach wir selbst sein dürfen.
Bei denen wir nicht überlegen müssen, ob wir gerade etwas Falsches gesagt haben.
Die uns zuhören. Die sich freuen, wenn wir uns melden. Die auch dann für uns da sind, wenn es uns gerade nicht gut geht.
Und vielleicht sollten wir manchmal genauer hinschauen, wie viel Energie wir in Menschen investieren, deren Anerkennung wir unbedingt haben möchten.
Und wie wenig Aufmerksamkeit wir denen schenken, bei denen wir uns längst angenommen fühlen.
Mein Gedanke zum Schluss
Ich glaube, dass wir manchmal viel zu lange versuchen, andere Menschen zu verändern.
Wir hoffen, dass sie uns irgendwann verstehen. Dass sie erkennen, wie sehr wir uns bemühen. Dass sie uns endlich das geben, was wir uns so sehr wünschen.
Dabei können wir andere Menschen nicht dazu bringen, uns zu lieben, anzuerkennen oder wertzuschätzen. Manchmal können sie es auch einfach nicht fühlen.
Aber wir können anfangen, uns selbst besser zu verstehen.
Warum trifft mich dieser eine Satz immer noch so?
Warum fällt es mir so schwer, Nein zu sagen?
Warum habe ich das Gefühl, immer für alle da sein zu müssen?
Und warum glaube ich manchmal, dass meine eigenen Bedürfnisse weniger wichtig sind?
Vielleicht liegt genau darin der Anfang einer Veränderung.
Nicht darin, dass plötzlich alle anderen anders werden.
Sondern darin, dass wir anfangen, anders mit uns selbst umzugehen.
Wir brauchen Beziehungen.
Aber wir müssen uns nicht selbst verlieren, um dazuzugehören.




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