Wer hat eigentlich entschieden, dass du alles tragen musst?
- Sonja Grammel
- vor 2 Stunden
- 2 Min. Lesezeit

„Ich schaffe das schon.“
Kennst du diesen Satz?
Viele Menschen sagen ihn fast täglich.
Er klingt stark.
Verantwortungsvoll.
Hilfsbereit.
Und genau deshalb wird er selten hinterfragt.
Denn die Menschen, die diesen Satz oft sagen, sind meist nicht die, die sich vor Verantwortung drücken.
Im Gegenteil.
Sie kümmern sich.
Sie organisieren.
Sie springen ein.
Sie denken mit.
Sie halten durch.
Auf sie ist Verlass.
Das Problem ist nur:
Irgendwann wird aus einer Fähigkeit eine Selbstverständlichkeit.
Nicht nur für andere.
Sondern auch für uns selbst.
Wir übernehmen Verantwortung.
Dann noch ein bisschen mehr.
Dann noch etwas.
Und irgendwann tragen wir Dinge, die längst nicht mehr unsere Aufgabe sind.
In meiner Praxis begegnen mir immer wieder Menschen, die unglaublich viel leisten.
Sie kümmern sich um ihre Kinder.
Um ihre Eltern.
Um ihre Partnerschaft.
Um ihre Arbeit.
Um Termine.
Um Verpflichtungen.
Und irgendwann passiert etwas Merkwürdiges:
Sie tragen so viel für andere, dass sie kaum noch wahrnehmen, wie schwer ihr eigener Rucksack geworden ist.
Das Interessante ist:
Die meisten Menschen tun das nicht, weil jemand sie dazu zwingt.
Oft haben sie irgendwann gelernt, stark zu sein.
Vielleicht, weil früh Verantwortung übernommen wurde.
Vielleicht, weil sie erlebt haben, dass auf sie Verlass sein muss.
Vielleicht, weil sie Anerkennung dafür bekommen haben.
Irgendwann wird daraus eine Rolle.
Ich bin die Starke.
Ich bin die Vernünftige.
Ich bin diejenige, die das regelt.
Das klingt zunächst positiv.
Doch jede Rolle hat ihren Preis.
Denn wenn Stärke zur Gewohnheit wird, fällt es schwer, Schwäche zuzulassen.
Dann wird Hilfe annehmen schwierig.
Grenzen setzen schwierig.
Pausen machen schwierig.
Nicht, weil man es nicht darf.
Sondern weil man irgendwann vergessen hat, dass es überhaupt eine Möglichkeit ist.
Ehrlich gesagt ist das auch etwas, das ich selbst lernen darf.
Lange Zeit habe ich Stärke mit Durchhalten verwechselt.
Mit Funktionieren.
Mit Verantwortung übernehmen.
Mit „Ich schaffe das schon“.
Heute sehe ich das etwas anders.
Viele Menschen warten darauf, dass etwas wegfällt.
Weniger Termine.
Weniger Verpflichtungen.
Weniger Verantwortung.
Weniger Druck.
Doch oft passiert das nicht.
Das Leben wird selten von allein leichter.
Die eigentliche Veränderung beginnt häufig früher.
In dem Moment, in dem wir uns fragen:
Muss ich das wirklich tragen?
Oder habe ich mich einfach daran gewöhnt?
Heute glaube ich nicht mehr, dass die stärksten Menschen die sind, die alles allein schaffen.
Ich glaube, die stärksten Menschen sind die, die wissen, was ihre Aufgabe ist.
Und was nicht.
Die wissen, wofür sie Verantwortung tragen.
Und wofür nicht.
Die helfen können, ohne alles zu übernehmen.
Die für andere da sein können, ohne sich selbst zu verlieren.
Denn nur weil du etwas tragen kannst, bedeutet das nicht automatisch, dass du es tragen musst.
Vielleicht beginnt Entlastung nicht damit, dass weniger von außen kommt.
Sondern damit, dass wir aufhören, alles festzuhalten.


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