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Wartest du bis heute darauf, von deiner Mutter gesehen zu werden?

  • Sonja Grammel
  • 11. Juli
  • 3 Min. Lesezeit


Es gibt Themen, die mir in meiner Praxis immer wieder begegnen.


Eines davon ist die Beziehung zur Mutter.


Und bevor du weiterliest, ist mir eines ganz wichtig:


Es geht nicht darum, Mütter zu verurteilen.


Die meisten haben ihr Bestes gegeben.


Viele konnten gar nicht anders.


Vielleicht waren sie selbst mit ihren eigenen Verletzungen beschäftigt.


Vielleicht sind sie in einer Zeit aufgewachsen, in der Gefühle keinen Platz hatten.


Vielleicht hätten sie selbst jemanden gebraucht, der sie gesehen hätte.


Und trotzdem …



hat vielen Kindern etwas gefehlt.


Nicht Essen.


Nicht Kleidung.


Nicht ein Zuhause.


Sondern das Gefühl:


„Ich werde gesehen.“


„Mit meinen Gefühlen bin ich willkommen.“


„Da ist jemand, der mich hält, wenn meine Welt gerade zusammenbricht.“


Wenn das über längere Zeit fehlt, sucht ein Kind nach einer Erklärung.


Es denkt nicht:


„Meine Mutter kann das gerade nicht.“


Ein Kind denkt:


„Mit mir stimmt etwas nicht.“


„Ich darf keine Probleme machen.“


„Ich muss stark sein.“


„Ich muss mich anpassen.“


Diese Überzeugungen verschwinden nicht automatisch, nur weil wir erwachsen werden.


Sie begleiten viele Menschen bis heute.


Sie übernehmen Verantwortung für andere.


Spüren jede Stimmung.


Können schwer Nein sagen.


Fühlen sich schnell schuldig.


Oder leben in einer ständigen inneren Anspannung, ohne genau zu wissen, warum.


Viele schaffen es über Jahrzehnte, diesen Schmerz wegzuschieben.


Sie funktionieren.


Sie gehen arbeiten.


Gründen eine Familie.


Leben ihr Leben.


Und irgendwann sagen sie:


„Eigentlich hatte ich doch eine schöne Kindheit.“


Oder:


„Darüber möchte ich gar nicht mehr nachdenken.“


Doch nur weil etwas nicht mehr bewusst präsent ist, bedeutet das nicht automatisch, dass es keine Wirkung mehr hat.


Unser Gehirn und unser Nervensystem speichern Erfahrungen – besonders dann, wenn sie mit starken Gefühlen verbunden waren.


Manchmal macht sich das Jahre oder sogar Jahrzehnte später bemerkbar.


Nicht unbedingt als Erinnerung.


Sondern durch innere Unruhe.


Durch Ängste.


Durch das Gefühl, ständig funktionieren zu müssen.


Oder durch körperliche Beschwerden, für die sich medizinisch keine ausreichende Erklärung finden lässt.


Das bedeutet nicht, dass die Ursache immer in der Kindheit liegt.


Aber manchmal lohnt es sich, genau dort einmal hinzuschauen.


Nicht, um Schuldige zu suchen.


Sondern um Zusammenhänge zu verstehen.


Und genau deshalb endet diese Geschichte oft nicht in der Kindheit.


Denn viele dieser Mütter leben noch.


Die Kinder sind längst erwachsen.


40, 50 oder 60 Jahre alt.


Und trotzdem fühlen sie sich bis heute verantwortlich.


Sie fahren hin, obwohl sie eigentlich keine Kraft mehr haben.


Sie sagen Ja, obwohl sie Nein meinen.


Sie haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie Grenzen setzen.


Und gleichzeitig spüren sie etwas, das kaum auszuhalten ist.


Da ist immer noch die Sehnsucht nach der Mutter, die sie sich als Kind gewünscht hätten.


Nach einem Blick.


Nach Verständnis.


Nach Nähe.


Nach dem Gefühl, endlich gesehen zu werden.


Doch genau diese Nähe tut oft wieder weh.


Und so entsteht ein innerer Konflikt.


Sie sehnen sich nach ihrer Mutter.


Und gleichzeitig halten sie ihre Mutter kaum aus.


Sie hoffen.


Sie werden wieder enttäuscht.


Sie ziehen sich zurück.


Sie haben ein schlechtes Gewissen.


Und dann beginnt dieser Kreislauf von vorn.


Viele Menschen glauben, das Ziel einer Therapie sei, irgendwann sagen zu können:


„Ich habe meiner Mutter verziehen.“


Ich sehe das etwas anders.


Für mich bedeutet Verzeihen nicht, dass plötzlich alles gut war.


Nicht, dass der Schmerz nie da gewesen ist.


Und auch nicht, dass man das Geschehene gutheißt.


Für mich bedeutet Verzeihen, Frieden mit der eigenen Geschichte zu finden.


An den Punkt zu kommen, an dem du sagen kannst:


Ja, mir hat etwas gefehlt.


Ja, es hat wehgetan.


Ja, wahrscheinlich konnte meine Mutter nicht geben, was sie selbst nie bekommen hat.


Das erklärt vieles.


Es entschuldigt nicht alles.


Aber es hilft zu verstehen.


Und irgendwann kommt vielleicht der Moment, an dem du aufhörst, darauf zu warten, dass deine Mutter dir heute noch das gibt, was du als Kind so dringend gebraucht hättest.


Nicht, weil du sie nicht mehr liebst.


Sondern weil du erkennst, dass dieses Warten dich immer wieder verletzt.


Für mich beginnt genau dort Veränderung.


Nicht, weil die Vergangenheit verschwindet.


Nicht, weil plötzlich alles gut ist.


Sondern weil sie ihre Macht über deine Gegenwart langsam verliert.


Du musst nicht vergessen.


Du musst nichts schönreden.


Aber du darfst aufhören, jeden Tag unter dem zu leiden, was dir damals gefehlt hat.

 
 
 

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