Du brauchst keine Therapie, weil du schwach bist. Sondern weil du stark genug bist, hinzuschauen.
- Sonja Grammel
- 4. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Weißt du, viele denken immer noch, Therapie beginnt da, wo jemand nicht mehr kann.
Wo etwas kaputt ist.
Wo man versagt hat.
Und genau deshalb sagen so viele Menschen ganz leise:
Es weiß niemand, dass ich hier bin.
Das höre ich oft.
Nicht, weil es ihnen peinlich ist.
Sondern weil sie gelernt haben, stark zu sein.
Unauffällig.
Funktionierend.
Nach außen läuft alles.
Der Alltag.
Der Job.
Das Leben.
Und innerlich merkt man irgendwann:
Ich halte viel aus.
Vielleicht zu viel.
Wegschieben können wir erstaunlich gut
Wir Menschen sind richtig gut darin, Dinge wegzuschieben.
Wir machen weiter.
Wir passen uns an.
Wir sagen uns, dass es schon wieder wird.
Und manchmal sagen wir ganz bewusst: Ich möchte da jetzt nicht drüber nachdenken.
Nicht, weil es egal ist.
Sondern weil gerade kein Platz dafür ist.
Weil der Alltag ruft.
Weil andere wichtiger erscheinen.
Weil es im Moment einfach zu viel wäre.
Das ist menschlich.
Und oft auch notwendig.
Das Schwierige ist nur:
Das, worüber wir heute nicht nachdenken wollen, ist nicht weg.
Es wartet.
Und irgendwann meldet es sich.
Und dann kommt oft der Körper dazu
Irgendwann fängt der Körper an, mitzureden.
Schlaf wird schlechter.
Das Herz klopft.
Die Brust fühlt sich eng an.
Der Magen macht Probleme.
Schwindel.Rücken.Atem.
Man geht zum Arzt.
Es wird alles abgeklärt.
Und am Ende heißt es:
Es ist nichts zu finden. Es muss die Seele sein.
Das ist für viele erst einmal frustrierend.
Weil wir gelernt haben:
Ich gehe zum Arzt, bekomme eine Tablette und dann ist es wieder gut.
Und ja, Symptome lassen sich oft lindern.
Manchmal sogar schnell.
Aber Symptome sind selten das eigentliche Thema.
Sie sind eher ein Hinweis.
Eine Tablette kann beruhigen.
Sie kann helfen, durch schwere Phasen zu kommen.
Aber sie verändert nicht den Ursprung.
Und der liegt meistens nicht im Körper allein.
Sondern in dem, was zu lange getragen wurde.
Zu lange ignoriert.
Zu lange allein ausgehalten.
Es gibt einen Spruch, der mir dazu immer wieder einfällt:
Die Seele sagt zum Körper: Er hört mich nicht. Du musst krank werden.
Und der Körper antwortet: Ich werde krank, dann muss er dich hören.
Das klingt hart
Aber es trifft oft ziemlich genau.
Es braucht nicht die große Geschichte
Viele denken bei solchen Themen sofort an schwere Traumata.
An schlimme Kindheiten.
An riesige Dramen.
Aber ganz ehrlich:
Oft ist es viel leiser.
Manchmal war es einfach ein Moment, der zu viel war.
Und in genau diesem Moment war niemand da.
Keiner, der gehalten hat.
Keiner, der zugehört hat.
Keiner, der gesagt hat:
Ja das ist gerade wirklich viel.
Vielleicht war man noch jung.
Vielleicht musste man funktionieren.
Vielleicht hatte das Umfeld selbst keine Kraft und das Leben ging einfach weiter.
Also macht man es alleine.und trägt es weiter.
Nicht, weil man schwach ist.
Sondern weil man stark sein musste.
Und wenn wir es nicht anschauen, geben wir es weiter
Das Schwierige ist
Diese ungehaltenen Dinge bleiben nicht einfach bei uns.
Wir geben sie weiter.
Nicht bewusst.
Nicht absichtlich.
Und ganz sicher nicht aus Schuld.
Sondern weil das, was wir nicht verarbeitet haben, trotzdem wirkt.In unserer Anspannung.
In unseren Reaktionen.
In Nähe, Rückzug,
Kontrolle oder Überforderung.
Heute wissen wir sogar:
Solche Erfahrungen hinterlassen Spuren.
Nicht nur seelisch, sondern auch körperlich.
Auch über Generationen hinweg.
Die Epigenetik beschreibt genau das.
Nicht die Gene selbst verändern sich.
Sondern wie sie gelesen werden.
Das heißt nicht: Ich mache etwas falsch.
Es heißt nur:
Das, was keinen Raum bekommen hat, sucht sich einen Weg.
Und genau hier beginnt Verantwortung.
Nicht im Perfektsein.
Sondern im Hinschauen.
Therapie ist kein Scheitern
Therapie ist kein Aufgeben.
Kein Versagen.
Und kein Zeichen von Schwäche.
Sie ist eine Entscheidung.
Ein Innehalten.
Ein ehrliches: Sich selbst Ernst nehmen.
Viele gehen diesen Schritt nicht.
Nicht, weil sie es nicht nötig hätten.
Sondern weil Wegschauen oft leichter ist als Hinsehen.
Die, die gehen, tun das nicht, weil sie schwach sind.
Sondern weil sie stark genug sind, Verantwortung zu übernehmen.
Zum Schluss
Und wenn du beim Lesen gedacht hast: Ja, genau so fühlt sich das an, dann nimm das ernst.
Ich glaube nicht daran, dass uns Dinge zufällig begegnen. Manches trifft uns, weil es etwas berührt, das schon länger da ist.
Und manchmal ist genau das der Moment, an dem es gut tut, hinzuschauen, nicht allein, sondern begleitet.




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