Psychische Krisen gehören zum Leben. Warum fühlen sich trotzdem so viele Menschen, als hätten sie versagt?
- Sonja Grammel
- vor 1 Tag
- 3 Min. Lesezeit

Eigentlich ist es selbstverständlich.
Wenn wir uns den Arm brechen, gehen wir zum Arzt.
Wenn wir Zahnschmerzen haben, gehen wir zum Zahnarzt.
Wenn unser Auto kaputt ist, bringen wir es in die Werkstatt.
Aber wenn unsere Seele über Monate oder Jahre immer lauter wird, sagen wir:
„Das schaffe ich schon allein.“
Warum eigentlich?
Niemand käme auf die Idee, einen gebrochenen Arm mit Willenskraft heilen zu wollen.
Warum erwarten wir das von unserer Seele?
Warum fällt es uns so schwer, psychische Unterstützung anzunehmen?
Warum warten so viele Menschen, bis wirklich nichts mehr geht?
Vielleicht haben viele von uns schon früh Sätze gehört wie:
„Reiß dich zusammen.“
„So schlimm ist das doch gar nicht.“
„Andere haben es viel schwerer.“
„Stell dich nicht so an.“
Vielleicht waren sie nie böse gemeint.
Aber irgendwann werden solche Sätze zu unserer eigenen inneren Stimme.
Zu einem Glaubenssatz.
„Ich muss das alleine schaffen.“
Heute frage ich mich oft, warum wir so mit uns selbst umgehen.
Nicht nur als Therapeutin. Sondern auch als Mensch.
Denn das Leben wird uns alle herausfordern.
Wir werden Menschen verlieren.
Wir werden enttäuscht werden.
Wir werden Angst haben.
Wir werden Zeiten erleben, in denen wir nicht mehr weiterwissen.
Das gehört zum Menschsein.
Trotzdem behandeln wir seelische Krisen oft so, als wären sie etwas, das uns nicht passieren dürfte.
Als hätten wir versagt.
Vielleicht liegt das Problem gar nicht darin, dass wir Krisen erleben.
Vielleicht liegt das Problem darin, dass wir glauben, sie möglichst lange verstecken zu müssen.
Ich wünsche mir, dass wir irgendwann aufhören, psychische Unterstützung als letzten Ausweg zu sehen.
Sondern als etwas, das genauso selbstverständlich sein darf wie jede andere Form von Hilfe.
Nicht, weil wir alle psychisch krank sind.
Sondern weil Krisen zum Menschsein dazugehören.
Dabei wünsche ich mir vor allem eins:
Dass Menschen sich Hilfe erlauben, bevor alles zusammenbricht.
Nicht, weil sie schwach sind.
Sondern weil sie sich selbst wichtig genug sind.
Nicht erst dann, wenn Körper oder Seele nicht mehr können.
Sondern in dem Moment, in dem sie merken:
„So wie es gerade ist, möchte ich nicht weitermachen.“
Sich Unterstützung zu holen, bedeutet nicht, versagt zu haben.
Es bedeutet, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.
Dafür braucht es oft Mut.
Vielleicht ist Stärke gar nicht, alles alleine auszuhalten.
Vielleicht ist Stärke, zu erkennen, wann man jemanden an seiner Seite braucht.
Vielleicht haben wir aber noch etwas anderes gelernt.
Dass man Probleme nicht nach außen trägt.
Dass man funktioniert.
Dass niemand merken darf, wenn es einem nicht gut geht.
Ich kenne Familien, in denen nach außen immer alles in Ordnung wirkt.
Dabei ist es das natürlich nicht immer.
Nur gesprochen wird darüber nicht.
Und vielleicht nehmen wir genau das mit ins Erwachsenenleben.
Wir lächeln.
Wir funktionieren.
Und hoffen, dass niemand merkt, wie es uns wirklich geht.
Ich wünsche mir, dass wir freundlicher mit uns selbst werden.
Dass wir aufhören zu glauben, wir müssten alles alleine schaffen.
Und dass wir uns erlauben, Hilfe anzunehmen, nicht erst dann, wenn nichts mehr geht.
Sondern dann, wenn wir merken:
„Ich möchte, dass es mir wieder besser geht.“
Vielleicht musst du heute gar nichts verändern.
Vielleicht reicht es für den Anfang, den Gedanken loszulassen, alles alleine schaffen zu müssen.
Denn manchmal beginnt Veränderung genau dort.
Wenn dieser Artikel dazu beiträgt, dass sich auch nur ein Mensch traut zu sagen: „Mir geht es gerade nicht gut.“, dann hat er seinen Zweck erfüllt.
Denn psychische Krisen gehören zum Leben.
Vielleicht ist es Zeit, dass wir aufhören, so zu tun, als gehörten sie nicht dazu.⭐



Kommentare