top of page

Du hast mir wieder gelernt, schöne Gefühle zu haben.

  • Sonja Grammel
  • vor 12 Stunden
  • 2 Min. Lesezeit

Warum mich dieser Satz eines Klienten tief berührt hat.

Heute saß ein Klient vor mir und sagte einen Satz, den ich wahrscheinlich nie vergessen werde.


Du hast mir wieder gelernt, schöne Gefühle zu haben.

Ich schaute ihn an und dachte zuerst:

„Wie meint er das?“

Also fragte ich nach.

Er lächelte und sagte:


Es ist gerade total wild. Es fühlt sich an wie in der Pubertät. Da ist plötzlich wieder so ein Kribbeln. Ich fühle wieder.


In diesem Moment habe ich verstanden, was er mir eigentlich sagen wollte.

Dieser Mann lebt seit seiner Kindheit mit Angst.

Und weil Angst sein Leben so früh begleitet hat, entwickelte er eine Strategie, die ihm Sicherheit gab:

Kontrolle.

Er kontrollierte seinen Alltag.

Seine Gedanken.

Seine Umgebung.

Sein Verhalten.

Nicht, weil er so sein wollte.

Sondern weil Kontrolle für ihn viele Jahre die beste Möglichkeit war, mit seiner Angst umzugehen.

Sie hat ihm geholfen zu überleben.

Doch jede Strategie hat ihren Preis.

Mit der Zeit ging es nicht mehr nur darum, die Angst unter Kontrolle zu halten.

Das ganze Leben wurde enger.

Gefühle wurden immer weniger zugelassen.

Nicht nur die unangenehmen.

Auch die schönen.

Das Verrückte daran ist:

Den meisten Menschen fällt das gar nicht auf.

Es wird irgendwann normal.

Man funktioniert.

Der Alltag läuft.

Aber Freude, Leichtigkeit oder dieses unbeschwerte Kribbeln verschwinden langsam aus dem Leben.

Als wir begannen, nicht mehr gegen die Angst zu kämpfen, sondern zu verstehen, warum sie überhaupt da ist, veränderte sich etwas.

Nicht von heute auf morgen.

Nicht mit einem einzigen Gespräch.

Sondern Schritt für Schritt.

Und heute saß dieser Mann vor mir und sagte:

„Ich muss das jetzt erst einmal lernen.“

Über 50 Jahre lang kannte er vor allem Kontrolle.

Jetzt waren plötzlich wieder Freude, Lebendigkeit und gute Gefühle da.

Genau das fühlte sich für ihn zunächst ungewohnt an.

Fast überfordernd.

Nicht, weil etwas nicht stimmte.

Sondern weil er zum ersten Mal seit Jahrzehnten einen anderen Weg erlebt.

Einen Weg, auf dem nicht die Kontrolle sein Leben bestimmt, sondern langsam wieder Vertrauen entstehen darf.

Was mich an diesem Gespräch so berührt hat, war nicht, dass plötzlich alles gut war.

Es war der Mut, den ich in seinen Worten gehört habe.

Er wusste, dass dieser neue Weg ungewohnt wird.

Dass er alte Strategien loslassen muss, die ihn viele Jahre geschützt haben.

Und trotzdem war er bereit, ihn zu gehen.


Ich glaube, genau das ist Veränderung.

Nicht, dass Angst von heute auf morgen verschwindet.

Sondern dass ein Mensch beginnt zu erleben:


Es gibt auch einen anderen Weg.

Einen Weg mit weniger Kontrolle.

Mit mehr Vertrauen.

Und mit der Chance, das Leben wieder mit all seinen Gefühlen zu spüren.


Genau deshalb liebe ich meine Arbeit.

Nicht, weil ich Menschen verändere.

Sondern weil ich sie dabei begleiten darf, ihren eigenen Weg aus der Angst zu finden.

 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Kommentare


Überschrift 1

bottom of page