Mich interessiert nicht, wie die Angst weggeht. Mich interessiert, warum sie da ist.
- Sonja Grammel
- 1. Juni
- 3 Min. Lesezeit

Wenn du dir das Bein brichst, gehst du zum Arzt.
Es wird geröntgt.
Die Verletzung ist sichtbar.
Du bekommst einen Gips und jeder versteht, dass du Zeit brauchst.
Niemand sagt:
„Reiß dich zusammen.“
„Denk einfach nicht daran.“
„Andere schaffen das doch auch.“
Bei Angst, Panik oder innerer Überforderung ist das oft anders.
Das sieht man nicht.
Es gibt kein Röntgenbild.
Keinen Gips.
Keinen Verband.
Vielleicht reagieren wir genau deshalb so unsicher darauf.
Nicht unbedingt, weil wir nicht helfen wollen.
Sondern weil wir nicht wissen, wie.
Wenn dein Bein gebrochen ist, gibt es einen klaren Weg.
Bei Angst ist das anders.
Dein Partner kann sie nicht für dich lösen.
Deine Freundin kann sie nicht wegnehmen.
Dein Therapeut kann sie nicht einfach verschwinden lassen.
Genau das macht psychische Belastungen oft so schwer.
Veränderung entsteht nicht dadurch, dass jemand anderes etwas für dich repariert.
Sie entsteht dadurch, dass du anfängst hinzuschauen.
Dass du erkennst, was dich belastet.
Was du vielleicht schon viel zu lange mit dir herumträgst.
Was du brauchst.
Was sich verändern darf.
Vielleicht kennst du das.
Du funktionierst.
Du gehst arbeiten.
Du kümmerst dich um andere.
Du machst weiter.
Nach außen sieht oft niemand, wie viel Kraft das kostet.
Irgendwann merkst du vielleicht, dass das Wegdrücken nicht mehr funktioniert.
Dass die Angst bleibt.
Dass die Erschöpfung bleibt.
Dass die Gedanken immer lauter werden.
Genau da wird etwas wichtig, das wir oft vergessen:
Gefühle funktionieren nicht wie ein Lichtschalter.
Du kannst nicht nur die Angst abschalten.
Oder nur die Traurigkeit.
Wenn du versuchst, unangenehme Gefühle wegzudrücken, werden oft auch Freude, Leichtigkeit, Vertrauen und Lebendigkeit leiser.
Angst zeigt sich übrigens nicht immer als Panik.
Manchmal zeigt sie sich als Kontrolle.
Als Grübeln.
Als ständiges Nachdenken.
Als Absichern.
Als der Versuch, alles im Griff zu behalten.
Was viele erst im Laufe einer Begleitung erkennen:
Hinter dem Wunsch nach Kontrolle steckt oft Angst.
Die Angst, Fehler zu machen.
Die Angst, verletzt zu werden.
Die Angst, die Kontrolle zu verlieren.
Die Angst, mit etwas nicht umgehen zu können.
Kontrolle ist deshalb oft nicht das Problem.
Sie ist häufig der Versuch, sich sicher zu fühlen.
Und genau deshalb höre ich von Menschen, die schon ein Stück ihres Weges gegangen sind, immer wieder einen ähnlichen Satz:
„Ich dachte immer, die Angst ist mein Gegner. Heute weiß ich, dass sie mich auch schützen wollte.“
Sie ist ein Teil von dir.
Es verändert etwas, wenn du aufhörst, sie nur zu bekämpfen, und anfängst zu verstehen, wovor sie dich eigentlich schützen wollte.
Deshalb interessiert mich in meiner Arbeit nicht nur die Frage:
„Wie bekomme ich die Angst weg?“
Mich interessiert:
„Warum ist sie überhaupt da?“
Denn Angst kommt selten einfach aus dem Nichts.
Sie hat oft eine Geschichte.
Vielleicht gab es einen Moment, der etwas verändert hat.
Vielleicht waren es viele kleine Dinge.
Vielleicht hast du so lange funktioniert, bis dein System irgendwann gesagt hat:
„Jetzt reicht es.“
Das gilt übrigens nicht nur für Erwachsene.
Auch Kinder zeigen oft nicht das, was eigentlich dahintersteckt.
Manche werden laut.
Manche ziehen sich zurück.
Manche bekommen Bauchschmerzen.
Manche wirken plötzlich wütend, traurig oder unsicher.
Was von außen wie ein Problem aussieht, ist oft der Versuch, mit etwas umzugehen, das innerlich zu groß geworden ist.
Ich glaube nicht, dass Angst dein Feind ist.
Ich glaube auch nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt.
Ich glaube, dass Symptome oft auf etwas aufmerksam machen, das gesehen werden möchte.
Mit dir stimmt nicht nichts.
Deine Angst hat eine Geschichte.
Warum ich diese Arbeit mache
Weil ich diese Momente mag, in denen Menschen wieder Hoffnung bekommen.
Nicht die großen Wunder.
Nicht die spektakulären Durchbrüche.
Sondern die leisen Veränderungen.
Wenn jemand, der sich lange im Kreis gedreht hat, plötzlich merkt:
„Es wird besser.“
Wenn jemand wieder ruhiger schläft.
Wieder etwas mehr Vertrauen spürt.
Wieder Dinge macht, die vorher nicht möglich waren.
Oder einfach sagt:
„Ich glaube, ich bin auf einem guten Weg.“
Das sind oft kleine Sätze.
Aber ich weiß, wie viel dahintersteckt.
Ich weiß, wie viele schlaflose Nächte, wie viele Zweifel und wie viel Kraft es oft kostet, überhaupt an diesen Punkt zu kommen.
Genau deshalb mache ich diese Arbeit so gerne.
Weil ich immer wieder erlebe, dass Veränderung möglich ist.
Nicht immer schnell.
Nicht immer geradlinig.
Aber viel häufiger, als du vielleicht gerade glaubst.
Und oft beginnt sie genau dort:
Nicht durch Kampf.
Nicht durch Zusammenreißen.
Sondern in dem Moment, in dem du anfängst zu verstehen, was eigentlich hinter deiner Angst steckt.




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