Wenn Angst dein Leben kleiner macht – und wie schön es ist, wenn es wieder größer werden darf
- Sonja Grammel
- vor 4 Stunden
- 2 Min. Lesezeit

Vor einiger Zeit saß eine Klientin bei mir, die nicht mehr Auto fahren konnte.
Die Angst war plötzlich da.
Vielleicht kennst du das auch.
Du hattest eine Panikattacke im Auto.
Danach wird jede Fahrt zur Herausforderung.
Erst vermeidest du die Autobahn.
Dann die Landstraße. Irgendwann fährst du nur noch die bekannten
Strecken.
Oder gar nicht mehr.
Manchmal reicht ein einziger Moment.
Ein Hundebiss in der Kindheit. Eine schlechte Erfahrung im Fahrstuhl. Eine Panikattacke beim Einkaufen. Eine Situation, in der unser Gehirn entscheidet:
Achtung. Das ist gefährlich.
Und plötzlich wird das Leben kleiner.
Nicht von heute auf morgen.
Sondern Stück für Stück.
Man fährt nicht mehr dorthin, wo man eigentlich hinmöchte.
Man sagt Einladungen ab.
Man nimmt Umwege in Kauf.
Man vermeidet Begegnungen.
Man organisiert den Alltag um die Angst herum.
Am Anfang ist das oft gar kein großes Problem.
Das Leben geht scheinbar ganz normal weiter.
Man arrangiert sich.
Man findet Lösungen.
Man vermeidet eben bestimmte Situationen.
Doch irgendwann merkt man, wie die Angst immer mehr Raum einnimmt.
Immer noch eine Strecke weniger.
Immer noch eine Ausrede mehr.Immer noch ein Ort, den man lieber meidet.
Und plötzlich wird das Leben nicht nur vorsichtiger.
Es wird kleiner.
Die Klientin, die wegen ihrer Angst beim Autofahren zu mir kam, konnte nach unserer gemeinsamen Arbeit wieder fahren.
Dahin, wo sie hinwollte.
Für viele Menschen klingt das vielleicht nach einer Kleinigkeit.
Für die Betroffenen ist es Freiheit.
Im Laufe unserer Gespräche stellte sich heraus, dass sie noch eine weitere Angst hatte. Seit ihrer Kindheit.
Hunde.
Auch diese Angst hatte ihren Ursprung in einer konkreten Erfahrung.
Vergangene Woche war sie wieder bei mir.
Und am Sonntag hat sie einen Hund gestreichelt.
Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke.
Nicht, weil es darum geht, unbedingt einen Hund zu streicheln.
Sondern weil es zeigt, was möglich ist.
Was ich an meiner Arbeit so liebe, sind genau diese Momente.
Wenn Menschen plötzlich wieder Auto fahren können.
Wenn sie wieder allein einkaufen gehen.
Wenn sie verreisen.
Wenn sie sich bewerben.
Wenn sie einen Hund streicheln.
Wenn sie ihr Leben nicht länger um ihre Angst herum organisieren müssen.
Ich darf miterleben, wie das Leben wieder größer wird.
Wie Möglichkeiten zurückkommen.
Wie aus „Das kann ich nicht“ wieder ein „Vielleicht probiere ich es doch“ wird.
Angst will uns schützen.
Sie ist nicht unser Feind.
Sie entsteht oft aus Erfahrungen, die unser Gehirn abgespeichert hat. Das Problem ist nur: Unser Gehirn unterscheidet nicht immer zwischen damals und heute.
Deshalb leben viele Menschen jahrelang in einer Welt, die immer kleiner wird, obwohl sie sich eigentlich nach etwas ganz anderem sehnen.
Vielleicht kennst du selbst eine Angst, um die du dein Leben herumgebaut hast.
Vielleicht ist es Autofahren.
Vielleicht sind es Hunde.
Vielleicht etwas ganz anderes.
Und vielleicht muss es nicht so bleiben.
Denn manchmal beginnt Veränderung genau in dem Moment, in dem wir aufhören zu glauben, dass wir uns einfach damit abfinden müssen.
Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, mutiger zu werden.
Vielleicht geht es darum, sich das Leben zurückzuholen, das die Angst Stück für Stück kleiner gemacht hat.
Und zu entdecken, wie groß es eigentlich sein darf.




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