Du willst aufhören zu grübeln? Vielleicht stellst du die falsche Frage.
- Sonja Grammel
- vor 19 Stunden
- 5 Min. Lesezeit

Du kennst das vielleicht.
Eigentlich hast du längst alles durchdacht.
Und trotzdem fängt dein Kopf wieder an.
Was, wenn …?
Hätte ich anders reagieren sollen?
Was ist, wenn morgen etwas passiert?
Warum hat er das so gesagt?
Was, wenn ich die falsche Entscheidung getroffen habe?
Also denkst du weiter.
Du analysierst. Du spielst Situationen noch einmal durch. Du suchst nach einer Antwort, die endlich Ruhe bringt.
Manchmal findest du sie sogar.
Für fünf Minuten.
Dann kommt das nächste:
„Ja, aber was, wenn …?“
Vielleicht ist dein Grübeln nicht das eigentliche Problem
Wir behandeln Grübeln häufig so, als müssten wir unserem Kopf einfach beibringen, endlich still zu sein.
„Denk nicht so viel.“
„Lenk dich ab.“
„Mach dir nicht so viele Gedanken.“
Klingt einfach.
Funktioniert nur leider oft nicht.
Denn vielleicht denkst du gar nicht so viel, weil du gerne alles kompliziert machst.
Vielleicht versucht dein System damit etwas zu erreichen:
Sicherheit.
Wenn ich nur lange genug darüber nachdenke...
Wenn ich alle Möglichkeiten durchspiele...
Wenn ich jedes Risiko vorhersehe ...
Wenn ich die richtige Erklärung finde …
… dann kann mir vielleicht nichts passieren.
Grübeln kann sich deshalb kurzfristig sogar hilfreich anfühlen. Es vermittelt das Gefühl:
Ich tue etwas. Ich habe Kontrolle.
Nur irgendwann bekommt dein Kopf keine wirklich neuen Informationen mehr.
Er dreht dieselben Gedanken immer wieder im Kreis.
Und aus Nachdenken wird Grübeln.
Dein Verstand sucht eine Sicherheit, die er nicht herstellen kann
Um zu verstehen, was dabei passieren kann, möchte ich dir kurz drei meiner „Kollegen“ vorstellen.
Wer schon einmal bei mir in der Praxis war, hat sie vielleicht sogar schon kennengelernt.

Elli, Kira und Rex.
Natürlich sind die drei Stofftiere. Ich nutze sie als einfaches Bild, um etwas ziemlich Komplexes verständlich zu machen.
🦉 Elli, die Eule, steht für unseren Verstand.
Sie denkt, analysiert, bewertet und sucht nach Lösungen.
Elli ist so ein bisschen die Professorin in meinem Team.
Sie möchte verstehen.
Sie möchte Antworten.
Und am liebsten möchte sie eine Lösung finden.
🐱 Kira, die Katze, steht für unsere Gefühlsebene.
In dem Modell sitzt sie zwischen Elli und Rex. Sie nimmt wahr, wie sich etwas anfühlt, und vermittelt zwischen unserem Denken und unserem Schutzsystem.
🦎 Und dann gibt es Rex, die Eidechse.
Rex ist der Beschützer.
Wenn unser System eine mögliche Gefahr wahrnimmt, möchte Rex nicht lange diskutieren oder analysieren.
Er möchte reagieren und uns schützen.
Wenn alles gut läuft, arbeiten die drei wunderbar zusammen:
Elli denkt.
Kira fühlt und vermittelt.
Und Rex muss keinen Alarm schlagen.
Aber beim Grübeln kann daraus eine richtige Schleife entstehen.
Wenn aus einem Gedanken plötzlich ein Gefühl wird
Stell dir vor, Elli denkt:
„Was, wenn ich morgen wieder eine Panikattacke bekomme?“
In diesem Moment passiert noch gar nichts.
Aber allein die Vorstellung kann bereits etwas in dir auslösen.
Kira meldet:
„Das fühlt sich gerade gar nicht gut an.“
Und Rex?
Der wird aufmerksam.
„Moment mal. Gefahr?“
Vielleicht schlägt dein Herz schneller.
Du wirst unruhig.
Dein Bauch reagiert.
Vielleicht verändert sich deine Atmung.
Und genau diese körperliche Reaktion bekommt Elli natürlich wieder mit.
Und plötzlich hat sie noch mehr Stoff zum Nachdenken:
„Siehst du? Ich bin schon wieder so unruhig. Vielleicht passiert morgen wirklich etwas.“
Also denkt Elli weiter.
Sie analysiert noch mehr.
Sie sucht noch dringender nach einer Antwort, die endlich Sicherheit bringt.
Das ungute Gefühl wird vielleicht stärker.
Rex wird noch aufmerksamer.
Und Elli denkt wieder.
So kann eine Schleife entstehen:
Gedanke → Gefühl → Alarm und Körperreaktion → noch mehr Gedanken.
Und plötzlich versteht man auch, warum ein einfaches
„Denk doch nicht so viel“
oft überhaupt nicht hilft.
Denn längst ist nicht mehr nur ein Gedanke im Spiel.
Das ganze System reagiert.
Vielleicht geht es gar nicht um den Gedanken
Wenn wir nur versuchen, Gedanken wegzubekommen, schauen wir möglicherweise an der wichtigeren Frage vorbei:
Warum braucht mein System gerade so dringend Sicherheit?
Vielleicht hast du gelernt, immer vorbereitet sein zu müssen.
Vielleicht gibt dir Kontrolle Sicherheit.
Vielleicht fällt es dir schwer, Ungewissheit auszuhalten.
Vielleicht stehst du schon lange unter Anspannung.
Und manchmal gibt es auch gar nicht den einen großen Ursprung, den wir finden müssen.
Menschen grübeln aus ganz unterschiedlichen Gründen.
Aber wenn Gedanken immer wiederkommen, dich erschöpfen und sich trotz aller vernünftigen Antworten nicht beruhigen, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Nicht nur auf den Inhalt des Gedankens.
Sondern auf seine Funktion:
Was versucht dieses Denken gerade für mich zu erreichen?
Sicherheit?
Kontrolle?
Vorbereitung?
Oder vielleicht den Versuch, ein unangenehmes Gefühl nicht fühlen zu müssen?
Gedanken passieren nicht nur im Kopf
Was wir denken, ist nicht automatisch Realität.
Unser Gehirn kann grundsätzlich unterscheiden, ob wir uns etwas vorstellen oder ob etwas tatsächlich geschieht.
Trotzdem können Vorstellungen echte Gefühle und körperliche Reaktionen auslösen.
Und genau das haben wir gerade bei Elli, Kira und Rex gesehen.
Die Panikattacke von morgen findet heute noch gar nicht statt.
Aber die Vorstellung daran kann schon heute Unruhe auslösen.
Das funktioniert übrigens auch in die andere Richtung.
Du denkst an einen Menschen, den du liebst.
An einen wunderschönen Moment.
An deinen nächsten Urlaub.
Vielleicht siehst du dich schon irgendwo am Meer sitzen.
Und plötzlich verändert sich etwas in dir.
Du lächelst vielleicht.
Du freust dich.
Du fühlst dich für einen Moment leichter.
Der Gedanke ist nicht die Realität.
Aber das Gefühl, das dabei entsteht, kann sehr real sein.
Das bedeutet allerdings nicht:
„Dann denk doch einfach positiv.“
So einfach funktioniert unser System nicht.
Gerade wenn wir bereits mitten in einer Angst- oder Grübelschleife stecken, können wir unsere Gedanken nicht einfach auf Knopfdruck in eine andere Richtung schicken.
Und deshalb finde ich eine andere Frage viel interessanter:
Warum landet mein Kopf immer wieder genau dort?
„Wie bekomme ich diese Gedanken endlich weg?“
Vielleicht ist das gar nicht die erste Frage.
Vielleicht lautet sie:
„Warum hält mein System gerade so sehr an ihnen fest?“
Das verändert den Blick.
Du musst deine Gedanken nicht sofort bekämpfen.
Du kannst anfangen zu verstehen, was dahinter passiert.
Und genau das interessiert mich auch in meiner therapeutischen Arbeit.
Nicht nur:
Was ist das Symptom?
Sondern:
Warum macht dein System das?
Denn manchmal liegt Veränderung nicht darin, endlich die perfekte Antwort auf den nächsten „Was-wäre-wenn“-Gedanken zu finden.
Sondern darin, dass dein System irgendwann nicht mehr jede Antwort braucht, um sich sicher zu fühlen.
Mein Gedanke dazu
Und trotzdem möchte ich Gedanken überhaupt nicht schlechtmachen.
Ich mag Denken.
Ich mag es sogar, abends im Bett noch ein bisschen in meinen Gedanken zu versinken.
Dann ist Zeit für mich.
Ich denke darüber nach, was schön war.
Was schön werden könnte.
Worauf ich mich freue.
Oder ich lasse meine Gedanken einfach laufen.
Und genau deshalb finde ich einen Unterschied wichtig:
Nicht jedes viele Denken ist Grübeln.
Gedanken dürfen schön sein.
Sie dürfen uns träumen lassen, Ideen entstehen lassen und uns helfen, Erlebtes zu sortieren.
Ich glaube, der Unterschied ist ganz einfach:
Ich kann in meinen Gedanken versinken und es genießen.
Beim Grübeln versinke ich nicht – ich hänge fest.
Und vielleicht geht es deshalb gar nicht darum, weniger zu denken.
Sondern darum, nicht in den eigenen Gedanken festzuhängen.




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